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Erotisch und verstörend
Im amerikanischen Aspen wurden deutsche Designer als Europameister
der Gestaltungsbranche gefeiert.
Acht Redner und zehn Stunden hatten die Teilnehmer der 46. Internationalen
Design Conference abgesessen und bisher wenig zu lachen gehabt. Alle Hoffnung
auf unterhaltsame Information lag nun bei einem, der seit über 30
Jahren erfolgreich einen Ruf als Happening-Profi verteidigt.
Auf den Wuppertaler Kunst-Theoretiker Bazon Brock, 60, war auch in der
dünnen Luft der Rocky Mountains Verlaß. Virtuos amüsierte
er die Teilnehmer der Morgensitzung, daß Klatschsalven und Gelächter
bis in die entlegensten Winkel des weitstufigen Aspen Institutes in Colorado
hallten.
Eines aber brachte Brock den Gästen der International Design Conference
in Aspen (IDCA) ganz ernsthaft nahe: »AIles, was die Deutschen machen,
tun sie, um von allen geliebt zu werden, und wenn die Deutschen »alle«
sagen, dann meinen sie die gesamte Menschheit.«
In Aspen galt es zunächst einmal, 1300 Besuchern aus 17 Nationen
zu zeigen, was hinter dem ambitionierten Titel der Konferenz »Gestalt:
Visions of German Design« in Wirklichkeit steckt. Erstmals seit 1951
wurde die traditionsreiche Veranstaltung nur von deutschen Firmen gesponsert
und von Entwerfern aus der Bundesrepublik gestaltet. Von der Öffentlichkeit
kaum bemerkt, sagt IDCA-Präsident Richard Farson, »haben die
Deutschen alle anderen Europäer im Grafik- und Produktdesign abgehängt
«
Der Frankfurter Design-Manager Georg-Christof Bertsch, 37, brachte im
Auftrag des Design Zentrums München Vertreter der multimedialen Generation
nach Aspen, die »Ausblicke auf das nächste Jahrtausend«
bieten sollten. So klickten sich während der fünf Konferenztage
8500 Interessierte aus aller Welt in die erstmals eingerichteten Web-Seiten
ein.
In einem grauen Pavillon hatten Studenten das »Involving System«
aufgebaut. An drei Modulen konnten Besucher Synthesizerklänge mit
verschiedenen Rhythmen und beliebiger Musik von Schallplatten mischen.
Draußen in den Freiluft-Cafes führten die Disc-Jockeys Jonas
Grossmann, 26, und David Moufang, 29, den Gästen vor, daß Technoklänge
der sanften Art sich sogar als Hintergrundmusik eignen. An einem Plakatzaun
hingen Abbildungen von Produkten deutscher Gestalter.
Der Berliner Grafik-Designer Erik Spiekermann, 48, der mit seinen MetaDesign-Büros
in Berlin, London und San Francisco 14 Millionen Mark Jahresumsatz macht,
lockte mit frechen Sprüchen in rasendem Englisch die meisten Besucher
ins Paepcke-Auditorium. »Man muß dem Publikum ins Hirn kriechen,
nicht hinten rein.«. Gemeinsam mit seiner amerikanischen Partnerin
Terry Irwin, 42, demonstrierte der fixe Typograph in einer computerunterstützten
Show, daß Bilder und Zeichen made in Germany ebenso innovativ wie
kommerziell erfolgreich sein können.
Erst achtmal überließen die Amerikaner ihre traditionsreiche
Konferenz einer anderen Nation. Auf diese Weise wollen die US-Gastgeber
und das internationale Publikum nicht nur historische Hintergründe,
ökonomische Erfolge und neue Design-Konzepte kennenlernen, sondern
mehr über Land und Leute erfahren.
Was »das Deutsche am deutschen Design« ist, sollte Ästhetik-Experte
Brock daher in Aspen erklären. Als Antwort stellte er zwei Totempfähle
auf die Bühne, an denen lauter germanische Götzen-Produkte deutscher
Gestaltungskraft hingen, von der Pickelhaube über Birkenstock-Sandalen,
Tempotaschentücher und Beamtengesetz bis zu Leibniz-Keks und Gartenzwerg.
Der Professor hätte sich gar nicht soviel Mühe machen müssen.
Deutsch am deutschen Design wie an jedem anderen Produkt ist auch im Zeitalter
von Techno und MTV noch immer die Gedankenschwere, gepaart mit jenem wagnerianischen
Hang zur Selbstzerfleischung, unter fast völligem Verzicht auf Humor.
In dem exklusiven, 2400 Meter hoch gelegenen Skisportort, wo Filmstars
wie Jack Nicholson und Don Johnson im Winter den Ajax herunterwedeln,
erwartete die aus Europa, Australien und Asien angereisten Gäste,
die 750 Dollar Eintritt bezahlt hatten, programmgemäß »das
Aktuellste aus allen Feldern deutschen Designs«. Das war zwar vertreten,
aber schwer zu finden. Zunächst bombardierten die von den Zentralräten
deutscher Entwurfskunst, dem Design Zentrum München und dem Rat für
Formgebung, in die USA entsandten Oldtimer der Gestalterbranche die Gäste
mit einem Theorie-Stakkato, das locker die Hauptseminare sämtlicher
Kunsthochschulen ausfüllen könnte.
So erläuterte etwa der Direktor des Deutschen Instituts für
angewandte Sozialphilosophie in Bergisch Gladbach Bernd Guggenberger,
ganz im Stil des guten alten Frontalunterrichts, wie »unsere sozialen
Welten ihre lokalen Anbindungen verlieren, wodurch sie im wachsenden Maße
virtuell werden und dieses zentrale Paradigma unserer Zeit den Rahmen
des Designs für die Zukunft determiniert« - ein Gedanke unter
vielen, die bei 25 Grad Außentemperatur in dem von Eliel Saarinen
errichteten Bayer-Benedict-Zelt irgendwie nicht ganz zu Ende gedacht werden
konnten.
Auch Praktiker verstanden es, die Erregung der am deutschen Design und
Wesen durchaus interessierten Zuhörer in Grenzen zu halten. Erstmals
durften Automobil-Vertreter neben den Künstlern der Grafik- und Produktentwerfer-Gilde
die Bundesrepublik repräsentieren - optisch zweifellos ein Höhepunkt.
Silbern, apfelgrün, postautogelb, nachtschwarz und rotweinrot lockten
blinkende Kfz-Modelle in der klaren Bergluft Autofreaks zum Tachometer-Vergleich.
Im Saal stellte VW zehn Jungdesigner unterschiedlicher Nationalitäten
vor, deren bescheidene Träume, etwa von einer Stoßstange, die
beim Einparken wie ein Bade-Entchen quietscht, hatte Design Manager Rüdiger
Folten aber derart windschnittig zurechtredigiert, daß am Ende nur
noch die Dankbarkeit rüberkam, bei Volkswagen arbeiten zu dürfen.
»Egal, wie ungerecht Klischees und Stereotypen über den Volkscharakter
sind«, sagt IDCA-Chef und Psychologe Farson, der die Konferenz seit
1966 begleitet, »sie haben sich bisher als absolut zutreffend erwiesen.«
Das Programm der deutschen Veranstalter war mit Geschichtspflege und Eigenlob
überfrachtet. Mehr als ein Dutzend Veranstaltungen waren dem Bauhaus,
der 1968 geschlossenen Ulmer Hochschule für Gestaltung, dem Typographie-Papst
Otl Aicher und der Selbstdarstellung designorientierter Firmen wie Braun,
Siemens, Erco, Bulthaup überlassen. Veteranen der Klassischen Moderne,
wie Braun-Chefdesigner Dieter Rams und Siemens-Gestalter Herbert H. Schultes,
feierten sich selbst und das Ende der Postmoderne. »Help me, help
me, ich kann nicht mehr, muß denn alles so trocken und langweilig
sein?« lautete einer unter vielen Hilferufen, die Besucher auf die
Tafeln für Botschaften in einem der Freiluft-Cafes kritzelten.
Muß es nicht. Wer ein wenig Spürsinn hatte, konnte in Aspen
durchaus erfahren, wie schräg, multimedial und international erfolgreich
junge deutsche Gestalter denken und arbeiten. Seit anderthalb Jahren entwirft
die Gruppe Art + Com um den Berliner Kommumikationswissenschaflter Joachim
Sauter, 37, im Auftrag der Telekom ein interaktives Computerbild von der
Erde. Durch die verschiedenen Informationsschichten der »Terravision«
kann der Benutzer am Bildschirm abenteuerliche wie informatitive Raum-
und Zeitreisen unternehmen.
Der Frankfurter Architekt Christian Möller, 37, verwandelt U-Bahnschächte,
tote Räume und Gebäude in multimediale Stadtattraktionen. Zwei
junge Möbelgestalter zeigten, daß Gegenwart und Tradition einander
keineswegs widersprechen müssen. Axel Kufus, 38, Design-Professor
in Weimar, und der Münchner Konstantin Grcic, 31, entwerfen Dinge,
deren Sexappeal in der. Schlichtheit liegt. Äußerst sachlich
in der Form, manchmal verblüffend im Material, sind die Gebrauchsgegenstände
nicht fürs Design-Museum, sondern für die industrielle Serienproduktion
gedacht: Kuschelsessel aus meerblauen Autowaschstraßenbürsten,
supereinfache Arbeitstühle, die an Thonet-Vorbilder erinnern, Bügel
mit integrierter Kleiderbürste, Allzweckeimer.
Der Kommunikationsdesigner Alexander Branczyk, Gestalter des Techno-Magazins
Frontpage, und sein Kollege Thomas Nagel boten mit
Bildern, Zeichen und Tönen ein multimediales Techno-Spektakel. Der
schwarze Tänzer und Choreograph Stephen Galloway, seit 1986 bei William
Forsythes Frankfurte. Ballett und Art-director der Herrenkollektion von
Issey Miyake, vereinigte beide Berufungen zu einer so erotischen wie verstörenden
Inszenierung.
Beifallsstürme löste die Modenschau der Berliner Aktionsgruppe
»Sabotage« aus. In wochenlanger unbezahlter Eigenarbeit entstand
eine Kleiderkollektion, die aus 30 Aspener Laien-Models seltsam ungestalte
Mutanten machte.
Die amorphe Gruppe aus verschiedenen Altersstufen und Berufen führt
auf sinnliche Weise vor, was sie unter Design versteht: eine Haltung,
nicht weniger als einen Lebensentwurf. »Für uns ist Design kein
Produkt, sondern ein Prozeß«, sagt Kommunikationsdesigner Michael
Dodt, 33. Sabotage ist das Produkt.
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