ANLAGE.1
(ANLAGE.1)
Rat für Formgebung 2001



Rat für Formgebung xplicit ffm

Dieter Kretschmann und Stephan Ott trafen Thomas Nagel in Frankfurt

Angefangen hat alles nach dem Studium an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung Ende der 80er Jahre am Potsdamer Platz, noch bevor dieser zur Hauptstadt-Großbaustelle mutierte. Im damals einzigen Gebäude der Brache am Todesstreifen, dem ehemaligen Weinhaus Huth, starteten Thomas Nagel und Alexander Branczyk bei Erik Spiekermannns MetaDesign. Nach 6 Jahren dort (Anfang 94) machten sie sich gemeinsam mit Uwe Otto an die Gründung ihrer eigenen Agentur xplicit in Frankfurt. Bekannt geworden sind die drei Gründer und Protagonisten unter anderem durch Performances, bei der auf Computertastaturen Bilder wie auf Synthezisern gespielt wurden und auf riesigen Leinwänden zu hartem Techno-Beat ein wilder Buchstaben-Sturm tobte. Neben diesen eher experimentellen Ansätzen machte xplicit sowohl mit dem radikalen Grafikdesign für das Techno-Magazin Frontpage als auch mit Corporate Design Programmen und der Gestaltung für Mailorder-Kataloge, z.B. für Topdeq oder für Philip Morris, auf sich aufmerksam. Zum fünfjährigen Bestehen ihrer Agentur ließen die drei auf dem eigenen Symposium »GestaltenÜberDenken« nicht Designer philosophieren, sondern Philosophen und Gehirnforscher über Formgebung diskutieren.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
Wir sind 1988/1989 bei Erik Spiekermann eingestiegen, als Selbständige in einer Bürogemeinschaft. Davor war ich zwei Jahre bei Olaf Leu und Alexander Branczyk schon etwa ein halbes Jahr bei MetaDesign. Irgendwann rief er mich an und sagte: »Du, ich schaffe das nicht alleine, willst Du nicht kommen?« Erik fands gut und so waren wir dann zu dritt zunächst mit einer Praktikantin. In Eriks Ladenbüro in der Motzstraße herrschte ein anderes Klima als hier in Frankfurt. Zuvor hatte ich Jobs für Auftraggeber wie Degussa und die Bayerische Vereinsbank. Da durfte man so gut wie nichts neues entwickeln. Dann war plötzlich alles frei. Was mir sehr gut gefallen hat.

Das Stadion Potsdamer Platz
meta-Design wuchs und dann startete auch noch FontShop in unserem Büro und es wurde wirklich zu eng. Also sind wir in das alte Weinhaus Huth am Potsdamer Platz gezogen, das einzige Haus, das da noch stand. Passend zum Mauerfall...

Vereinswechsel
Ich bin dann eine Zeit lang ins Start-up Meta-Büro nach San Francisco gegangen und war eigentlich schon so weit, auszuwandern. Doch dann rief Alex an und fragte, wollen wir nicht was eigenes machen? Nach sechs Jahren MetaDesign in einem mittlerweile explodierenen Team war die Zeit reif. Damals haben wir beschlossen, dahin zurück zu gehen, wo wir herkommen, nach Frankfurt. Uwe Otto, Produktioner bei Meta, kam mit.

Taktik und Mannschaftsaufstellung
Wir haben heute eine äußerst bunte Mischung von Aufträgen. Große, wie Corporate-Design-Programme für den Rhein-Main-Verkehrsverbund, AM Generali, Topdeq oder die Wolk AG. Und kleinere, wie die Entwicklung einer Broschürenreihe für Mäckler Architekten, oder Hausschriftfamilien für Duravit und das Deutsche Philharmonische Orchester. All die Spezialaufträge bis hin zum Filmplakat, Buchtitel oder zum Leaflet für die Suchthilfe. Von den kleinen könnten wir nicht leben und nur mit den großen wäre es schnell langweilig. Wir haben daraus keine Philosophie gemacht, die Mischung hat sich im Laufe der Zeit so ergeben. Aus diesem Grund ist die Mitarbeiterfluktuation bei uns auch sehr gering. Mit unsererm Produktionsbüro xplicit works sind wir etwa 20 Mitarbeiter plus ein paar Freie. Neben xplicit engagieren wir uns bei mind21 und Face2Face. Hier handelt es sich um Netzwerke, in denen wir mit spannenden Leuten interdisziplinäre Projekte angehen. Unsere Tochter xplicit works sieht zu, daß unsere Entwürfe ordentlich gesetzt und gedruckt und in andere Sprachen übersetzt werden. Dafür haben wir Setzer und Drucksachverständige, die auch vor der größten Druckmaschine keinen Schrecken kriegen.

Das Rückspiel: Frankfurt - Berlin
Seit Frühjahr 2001 sind wir mit xplicit Berlin wieder offiziell in der Hauptstadt vertreten. Ein Grund dafür ist, daß wir immer Auftraggeber in Berlin hatten. Die hat Alexander Branczyk, der ja hauptsächlich in Berlin wohnt, quasi aus seinem Wohnzimmer heraus betreut. Diesen Zustand haben wir jetzt in eine professionelle Form überführt. Im Berlin-Frankfurt-Vergleich ist das Verhalten der Leute interessant. Es gibt viele, die in Frankfurt anrufen und fragen, »können wir nicht bei euch arbeiten? und dann folgt:,»nach Berlin komme ich sofort, aber nach Frankfurt? Auf keinen Fall. Schade, finde euch sonst ganz toll...«. Frankfurt hat offenbar einen schlimmen Ruf. Berlin hat heute einfach mehr Attraktivität. Hier in Frankfurt gibt es eine überschaubare Kreativ-Crowd, die kennt und trifft man bei jeder Gelegenheit. Das ist in Berlin schon wesentlich offener. Und es gibt einfach von allem mehr. In Frankfurt ist immer schon gleich das Business mit im Spiel. Da muss man sich zu jeder Tages- und Nachtzeit korrekt verhalten und Schlips tragen. Dafür ist Frankfurt in vielerlei Hinsicht professioneller. Der Inselzustand hat ja immer verhindert, dass Berlin eine Kommunikationsstadt werden konnte. Bis zum Fall der Mauer hatte man Probleme, vernünftige und professionelle Fotografen oder Drucker zu finden. Das hat sich geändert. Berlin ist zwar immer noch nicht die führende Design-Stadt, aber bei der momentanen Dynamik scheint mir alles möglich.

Schwer einzuordnen: xplicit ffm, xplicit bln
Durch die vielfältige Mischung unserer Projekte weiss kaum jemand, unter welcher Rubrik man xplicit denn nun ablegen soll. So ist es oft schwierig, Auftraggebern zu vermitteln, daß wir Spezialisten auf einem Sektor sind und gleichzeitig Expertise auf dem diametral gegenüberliegenden Bereich haben. Aber diesen Luxus leisten wir uns. Hinter dem, was wir machen, steht unsere persönliche Haltung. Und eben kein Gewinnmaximierungs-Masterplan. Wir tun nach Möglichkeit Dinge, die uns Spaß machen und uns interessieren, davon profitiert erfahrungsgemäß das jeweilige Projekt am meisten. Und auch unser Büro als Ganzes. Gerade die Kombinationen, also etwa Love Parade und Dresdner Bank parallel zu bearbeiten, befruchten die einzelnen Aufträge gegenseitig. Weil man nicht so in der Monokultur versinkt und sich öfter mal den Kopf mit gänzlich anderen Dingen frei macht. Daraus hat sich eine Art Prinzip ergeben. Gerade machen wir wieder was, da geht es um das Zentrum für die europäische Integration der Slowakei. Ein Projekt ungefähr 80 km nördlich von Wien, wo versucht wird, eine Art international vernetztes Internetkloster aufzubauen, was wir als Idee spannend finden. Der zunächst utopisch erscheinende Versuch in einer strukturschwachen Gegend etwas hinzukriegen, das die Wirtschaft nach vorne bringt. Und dann steht da zufällig noch ein altes, fast fertiggestelltes Riesengebäude rum. Läßt sich vielleicht was draus machen. Plötzlich ging es darum, eine Broschüre zu machen um noch mehr Leute davon zu begeistern. Gibt natürlich vorerst kein Geld, aber es entstehen interessante Kontakte. Bei dieser Aktion haben wir das Office for subversive Architecture kennengelernt und werden den internationalen Architektenwettbewerb der Uni Bratislava begleiten. Oder letztes Jahr - damals haben wir für die Sparda-Bank zusammen mit dem Stuttgarter Ballett ein Multiple Media Ballett entwickelt. Oder zusammen für die Berlin Biennale den Hybrid Workspace auf der Dokumenta X. Unsere Hauptmotivation ist die, sich am Leben zu halten und Spaß mit Sachen zu haben, die nicht unbedingt in Augenhöhe am Baum hängen.

Über Vertragsamateure
Heute sind die Investitionen für Grafiker relativ niedrig. Drei Studenten kommen zusammen und zack sind sie ein Büro. Als wir von der Hochschule abgingen, da war das nicht so. Man hatte erstens keine Produktionsmittel und zweitens keine Kontakte. Man konnte sich zwar mit seiner Reißschiene selbständig machen, aber dann hat man für den Bäcker um die Ecke gearbeitet. Heute arbeiten viele Studenten schon während ihres Studiums und schaffen dadurch einen viel fließenderen Übergang zwischen Studium und Beruf. Allgemein glaube ich, daß nicht nur das Designbewusstsein gewachsen ist, sondern auch der Bedarf. Damit sind die Chancen für alle besser geworden.

Über Probetrainings
Pitches haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen.
Ich kann es verstehen, daß große Unternehmen mehrere Büros vortanzen lassen. Aber mittlerweile machen das entschieden zu viele. Und die Professionalität auf Auftraggeberseite läßt doch manchmal zu wünschen übrig. Ein Beispiel: Letztes Jahr hatte die Hessische Staatskanzlei einen Wettbewerb für ein neues Erscheinungsbild des Landes Hessen ausgeschrieben - für die Staatskanzlei, die gesamte Landesregierung, alles von oben runter bis hin zur Tourismusinitiative. Da kann man überlegen, ob man mitmacht oder nicht. Letztlich sind wir in die engere Auswahl gekommen, mit 7 Mitbewerbern. Schließlich stellte sich heraus, dass die Jury hauptsächlich aus Staatssekretären und höheren Beamten gebildet wurde. Die also gewissermaßen für den jetzigen Zustand verantwortlich sind. Vor Ort wurden dann sämtliche 8 Agenturen an einem Tag gehört. Man hatte 20 Minuten Zeit. Wir konnten dadurch nur einen kleinen Teil dessen präsentieren, was wir vorbereitet hatten und dafür musste man schon reden wie Mickey Mouse. Die Präsentation war im August 2000, seitdem haben wir nichts gehört. Solche Sachen ärgern mich.

Und über Funktionäre
Eigentlich sind mir Vereine suspekt, aber es ist schon spannend, wen der Rat für Formgebung da zusammenholt. Das ist schon so, daß man z.B. in der Stifterversammlung Leute trifft, die man sonst nicht sieht oder nur in anderen Zusammenhängen. Ich finde, daß der Rat auf eine stärkere Basis gestellt werden muss, um das Thema Design breiter darstellen zu können. Der Rat als höchste deutsche Designinstanz müßte nach meinem Dafürhalten insgesamt wieder mehr Gewicht bekommen. Es ist ja toll, daß es so etwas wie den Rat überhaupt gibt, aber für die Schärfung des allgemeinen Design-Bewusstseins bei den mittleren und kleineren Unternehmen gibt es noch eine Menge zu tun.

 
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