Rat für Formgebung xplicit ffm
Dieter Kretschmann und Stephan Ott trafen Thomas Nagel in Frankfurt
Angefangen hat alles nach dem Studium an der Offenbacher Hochschule
für Gestaltung Ende der 80er Jahre am Potsdamer Platz, noch bevor
dieser zur Hauptstadt-Großbaustelle mutierte. Im damals einzigen
Gebäude der Brache am Todesstreifen, dem ehemaligen Weinhaus Huth,
starteten Thomas Nagel und Alexander Branczyk bei Erik Spiekermannns
MetaDesign. Nach 6 Jahren dort (Anfang 94) machten sie sich gemeinsam
mit Uwe Otto an die Gründung ihrer eigenen Agentur xplicit in Frankfurt.
Bekannt geworden sind die drei Gründer und Protagonisten unter
anderem durch Performances, bei der auf Computertastaturen Bilder wie
auf Synthezisern gespielt wurden und auf riesigen Leinwänden zu
hartem Techno-Beat ein wilder Buchstaben-Sturm tobte. Neben diesen eher
experimentellen Ansätzen machte xplicit sowohl mit dem radikalen
Grafikdesign für das Techno-Magazin Frontpage als auch mit Corporate
Design Programmen und der Gestaltung für Mailorder-Kataloge, z.B.
für Topdeq oder für Philip Morris, auf sich aufmerksam. Zum
fünfjährigen Bestehen ihrer Agentur ließen die drei
auf dem eigenen Symposium »GestaltenÜberDenken« nicht
Designer philosophieren, sondern Philosophen und Gehirnforscher über
Formgebung diskutieren.
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
Wir sind 1988/1989 bei Erik Spiekermann eingestiegen, als Selbständige
in einer Bürogemeinschaft. Davor war ich zwei Jahre bei Olaf Leu
und Alexander Branczyk schon etwa ein halbes Jahr bei MetaDesign. Irgendwann
rief er mich an und sagte: »Du, ich schaffe das nicht alleine,
willst Du nicht kommen?« Erik fands gut und so waren wir dann
zu dritt zunächst mit einer Praktikantin. In Eriks Ladenbüro
in der Motzstraße herrschte ein anderes Klima als hier in Frankfurt.
Zuvor hatte ich Jobs für Auftraggeber wie Degussa und die Bayerische
Vereinsbank. Da durfte man so gut wie nichts neues entwickeln. Dann
war plötzlich alles frei. Was mir sehr gut gefallen hat.
Das Stadion Potsdamer Platz
meta-Design wuchs und dann startete auch noch FontShop in unserem Büro
und es wurde wirklich zu eng. Also sind wir in das alte Weinhaus Huth
am Potsdamer Platz gezogen, das einzige Haus, das da noch stand. Passend
zum Mauerfall...
Vereinswechsel
Ich bin dann eine Zeit lang ins Start-up Meta-Büro nach San Francisco
gegangen und war eigentlich schon so weit, auszuwandern. Doch dann rief
Alex an und fragte, wollen wir nicht was eigenes machen? Nach sechs
Jahren MetaDesign in einem mittlerweile explodierenen Team war die Zeit
reif. Damals haben wir beschlossen, dahin zurück zu gehen, wo wir
herkommen, nach Frankfurt. Uwe Otto, Produktioner bei Meta, kam mit.
Taktik und Mannschaftsaufstellung
Wir haben heute eine äußerst bunte Mischung von Aufträgen.
Große, wie Corporate-Design-Programme für den Rhein-Main-Verkehrsverbund,
AM Generali, Topdeq oder die Wolk AG. Und kleinere, wie die Entwicklung
einer Broschürenreihe für Mäckler Architekten, oder Hausschriftfamilien
für Duravit und das Deutsche Philharmonische Orchester. All die
Spezialaufträge bis hin zum Filmplakat, Buchtitel oder zum Leaflet
für die Suchthilfe. Von den kleinen könnten wir nicht leben
und nur mit den großen wäre es schnell langweilig. Wir haben
daraus keine Philosophie gemacht, die Mischung hat sich im Laufe der
Zeit so ergeben. Aus diesem Grund ist die Mitarbeiterfluktuation bei
uns auch sehr gering. Mit unsererm Produktionsbüro xplicit works
sind wir etwa 20 Mitarbeiter plus ein paar Freie. Neben xplicit engagieren
wir uns bei mind21 und Face2Face. Hier handelt es sich um Netzwerke,
in denen wir mit spannenden Leuten interdisziplinäre Projekte angehen.
Unsere Tochter xplicit works sieht zu, daß unsere Entwürfe
ordentlich gesetzt und gedruckt und in andere Sprachen übersetzt
werden. Dafür haben wir Setzer und Drucksachverständige, die
auch vor der größten Druckmaschine keinen Schrecken kriegen.
Das Rückspiel: Frankfurt - Berlin
Seit Frühjahr 2001 sind wir mit xplicit Berlin wieder offiziell
in der Hauptstadt vertreten. Ein Grund dafür ist, daß wir
immer Auftraggeber in Berlin hatten. Die hat Alexander Branczyk, der
ja hauptsächlich in Berlin wohnt, quasi aus seinem Wohnzimmer heraus
betreut. Diesen Zustand haben wir jetzt in eine professionelle Form
überführt. Im Berlin-Frankfurt-Vergleich ist das Verhalten
der Leute interessant. Es gibt viele, die in Frankfurt anrufen und fragen,
»können wir nicht bei euch arbeiten? und dann folgt:,»nach
Berlin komme ich sofort, aber nach Frankfurt? Auf keinen Fall. Schade,
finde euch sonst ganz toll...«. Frankfurt hat offenbar einen schlimmen
Ruf. Berlin hat heute einfach mehr Attraktivität. Hier in Frankfurt
gibt es eine überschaubare Kreativ-Crowd, die kennt und trifft
man bei jeder Gelegenheit. Das ist in Berlin schon wesentlich offener.
Und es gibt einfach von allem mehr. In Frankfurt ist immer schon gleich
das Business mit im Spiel. Da muss man sich zu jeder Tages- und Nachtzeit
korrekt verhalten und Schlips tragen. Dafür ist Frankfurt in vielerlei
Hinsicht professioneller. Der Inselzustand hat ja immer verhindert,
dass Berlin eine Kommunikationsstadt werden konnte. Bis zum Fall der
Mauer hatte man Probleme, vernünftige und professionelle Fotografen
oder Drucker zu finden. Das hat sich geändert. Berlin ist zwar
immer noch nicht die führende Design-Stadt, aber bei der momentanen
Dynamik scheint mir alles möglich.
Schwer einzuordnen: xplicit ffm, xplicit bln
Durch die vielfältige Mischung unserer Projekte weiss kaum jemand,
unter welcher Rubrik man xplicit denn nun ablegen soll. So ist es oft
schwierig, Auftraggebern zu vermitteln, daß wir Spezialisten auf
einem Sektor sind und gleichzeitig Expertise auf dem diametral gegenüberliegenden
Bereich haben. Aber diesen Luxus leisten wir uns. Hinter dem, was wir
machen, steht unsere persönliche Haltung. Und eben kein Gewinnmaximierungs-Masterplan.
Wir tun nach Möglichkeit Dinge, die uns Spaß machen und uns
interessieren, davon profitiert erfahrungsgemäß das jeweilige
Projekt am meisten. Und auch unser Büro als Ganzes. Gerade die
Kombinationen, also etwa Love Parade und Dresdner Bank parallel zu bearbeiten,
befruchten die einzelnen Aufträge gegenseitig. Weil man nicht so
in der Monokultur versinkt und sich öfter mal den Kopf mit gänzlich
anderen Dingen frei macht. Daraus hat sich eine Art Prinzip ergeben.
Gerade machen wir wieder was, da geht es um das Zentrum für die
europäische Integration der Slowakei. Ein Projekt ungefähr
80 km nördlich von Wien, wo versucht wird, eine Art international
vernetztes Internetkloster aufzubauen, was wir als Idee spannend finden.
Der zunächst utopisch erscheinende Versuch in einer strukturschwachen
Gegend etwas hinzukriegen, das die Wirtschaft nach vorne bringt. Und
dann steht da zufällig noch ein altes, fast fertiggestelltes Riesengebäude
rum. Läßt sich vielleicht was draus machen. Plötzlich
ging es darum, eine Broschüre zu machen um noch mehr Leute davon
zu begeistern. Gibt natürlich vorerst kein Geld, aber es entstehen
interessante Kontakte. Bei dieser Aktion haben wir das Office for subversive
Architecture kennengelernt und werden den internationalen Architektenwettbewerb
der Uni Bratislava begleiten. Oder letztes Jahr - damals haben wir für
die Sparda-Bank zusammen mit dem Stuttgarter Ballett ein Multiple Media
Ballett entwickelt. Oder zusammen für die Berlin Biennale den Hybrid
Workspace auf der Dokumenta X. Unsere Hauptmotivation ist die, sich
am Leben zu halten und Spaß mit Sachen zu haben, die nicht unbedingt
in Augenhöhe am Baum hängen.
Über Vertragsamateure
Heute sind die Investitionen für Grafiker relativ niedrig. Drei
Studenten kommen zusammen und zack sind sie ein Büro. Als wir von
der Hochschule abgingen, da war das nicht so. Man hatte erstens keine
Produktionsmittel und zweitens keine Kontakte. Man konnte sich zwar
mit seiner Reißschiene selbständig machen, aber dann hat
man für den Bäcker um die Ecke gearbeitet. Heute arbeiten
viele Studenten schon während ihres Studiums und schaffen dadurch
einen viel fließenderen Übergang zwischen Studium und Beruf.
Allgemein glaube ich, daß nicht nur das Designbewusstsein gewachsen
ist, sondern auch der Bedarf. Damit sind die Chancen für alle besser
geworden.
Über Probetrainings
Pitches haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen.
Ich kann es verstehen, daß große Unternehmen mehrere Büros
vortanzen lassen. Aber mittlerweile machen das entschieden zu viele.
Und die Professionalität auf Auftraggeberseite läßt
doch manchmal zu wünschen übrig. Ein Beispiel: Letztes Jahr
hatte die Hessische Staatskanzlei einen Wettbewerb für ein neues
Erscheinungsbild des Landes Hessen ausgeschrieben - für die Staatskanzlei,
die gesamte Landesregierung, alles von oben runter bis hin zur Tourismusinitiative.
Da kann man überlegen, ob man mitmacht oder nicht. Letztlich sind
wir in die engere Auswahl gekommen, mit 7 Mitbewerbern. Schließlich
stellte sich heraus, dass die Jury hauptsächlich aus Staatssekretären
und höheren Beamten gebildet wurde. Die also gewissermaßen
für den jetzigen Zustand verantwortlich sind. Vor Ort wurden dann
sämtliche 8 Agenturen an einem Tag gehört. Man hatte 20 Minuten
Zeit. Wir konnten dadurch nur einen kleinen Teil dessen präsentieren,
was wir vorbereitet hatten und dafür musste man schon reden wie
Mickey Mouse. Die Präsentation war im August 2000, seitdem haben
wir nichts gehört. Solche Sachen ärgern mich.
Und über Funktionäre
Eigentlich sind mir Vereine suspekt, aber es ist schon spannend, wen
der Rat für Formgebung da zusammenholt. Das ist schon so, daß
man z.B. in der Stifterversammlung Leute trifft, die man sonst nicht
sieht oder nur in anderen Zusammenhängen. Ich finde, daß
der Rat auf eine stärkere Basis gestellt werden muss, um das Thema
Design breiter darstellen zu können. Der Rat als höchste deutsche
Designinstanz müßte nach meinem Dafürhalten insgesamt
wieder mehr Gewicht bekommen. Es ist ja toll, daß es so etwas
wie den Rat überhaupt gibt, aber für die Schärfung des
allgemeinen Design-Bewusstseins bei den mittleren und kleineren Unternehmen
gibt es noch eine Menge zu tun.