Attitudes vs. F***tionalimus

Was Good Old Germany vom Next Millenium trennt

 

Visions of German Design in Aspen/Colorado: deutsche Gestalter der klassischen Moderne geben sich kurz vor oder nach ihrer Heiligsprechung ein Stelldichein des gegenseitigen Schulterklopfens. Und der Rest der Welt darf zuschauen und sich seine Vorurteile bestätigen. Vorurteile wie: gründlich aber humorlos; technisch brilliant aber dogmatisch.

In Asterix' Worten: Ganz Germanien ist besetzt. Ganz Germanien?

Doch es gibt da einen kleinen Haufen unbeugsamer Krieger.

Der titanenschwere Designdampfer hatte bereits die Hälfte des Atlantiks unter Volldampf überquert. Die vom Münchener Design-Zentrum vorbereitete Konferenz hatte alles, was für »German Gestalt« steht, an Bord geholt: ERCO, Bulthaup, Siemens, VW, Braun & deren Designhelden. Durchweg Namen, die seit den späten 60er Jahren auch in den USA für deutsche Gestaltung, deutsche Theorie und deutschen Funktionalismus der Bauhaus- und Ulm-Tradition stehen.

Aber: gibt es da in »Good Old Germany« vielleicht noch etwas?

Ist seit Bauhaus ff. möglicherweise irgendetwas passiert?

Zur Beantwortung dieser Frage wurde ein besonderer Programmpunkt in den vollen Terminplan der Konferenz gepackt: die »Young Designers Presentation« sollte als flottes Beiboot um den Ozeanriesen kreisen und den Menschen in Aspen einen knappen Überblick über die »attitudes for the next millenium« der deutschen (Jung-?)Designer verschaffen. Als Kenner der aktuellen Szene sollte Georg Bertsch dazu gemeinsam mit dem Rat für Formgebung Teilnehmer finden und ein Extraprogramm zu organisieren. Immerhin - die Quotenkinder am Katzentisch des German Design sollten einen ganzen Nachmittag und einen bunten Abend der fünftägigen Konferenz zur Verfügung haben.

Nach zwei Tagen frontaldozierter Theorie- und Wissenschaftsvorträge, wurde die Konzentrationslust des Auditoriums einigermaßen strapaziert.

Welch einen Lichtblick bot da Bazon Brock, der es als einer der wenigen Vortragenden des Hauptprogramms verstand, einen anschaulichen Vortrag zu präsentieren.

Die Erwartungen an die »Young Designers« waren entsprechend hochgeschraubt. Kein Wunder - bei so vielversprechenden Programmpunkten, von Axel Kufus über Joachim Sauter, Heiko Bartels, Christian Möller, Konstantin Grcic bis hin zu Steven Galloway, Sabotage und Face2Face. Nicht nur inhaltlich, sondern auch in puncto Präsentation gaben deren Beiträge ein lebendiges Bild einer vielgestaltigen (jungen) deutschen Designszene jenseits des so oft als »deutsch« apostrophierten F***tionalismusmiefs. Da gab es DJ-Acts, Fashionshows, interaktive, begehbare Klangräume, Dance-Performances, On-Screen-Präsentationen, in rasendem Technotempo live programmierte Multi-Computerbeams. Typo-, Ton- und Pixelstürme, Musik, Tanz. kurz: Liebe, Lust und Leidenschaft.

Doch: wie wird deutsches Design heute auf der Welt gesehen?

Und wie soll es gesehen werden?

Oder ist es nicht besser, hier nach den deutschen Designern zu fragen? Denn wichtiger als die Frage nach einem deutschen Ansatz oder einem deutschen Stil ist doch die Antwort auf die Frage, ob deutsche Designer heute in der Lage sind, Gestaltung (von Produkten, Dienstleistungen, Prozessen) abzuliefern, die auf der Welt nachgefragt sind. In der Politik sprechen wir soeben über den Euro - wieso reden wir ausgerechnet im Design immer von Deutschland.

Sicher ist es notwendig, in einer Zeit, in der unser Land vom Produktions- zu einem Dienstleistungsstandort verkümmert, Design als deutsche Know-How-Leistung herauszustellen. Damit wir wenigstens den Gestaltungsjob behalten, während wir ja den Herstellungsjob bereits zu großen Teilen »outgesourced« haben, wie es wohl in der Sprache des deutschen Designs heißt - zumindest aber in der Sprache der deutschen Industrie. (Womit wir übrigens gleichzeitig einen großen Teil des Sinns, der Sinnlichkeit und des Spaßes outgesourced haben...)

Wenn in Tendenz stimmt, daß alle Prozesse immer weiter geteilt werden und zwar zu dem Zweck, die Einzelteile jeweils in der Weltregion anfertigen zu lassen, wo sie die Gewinnmaximierer am wenigsten kosten, dann ist es sowieso bald vorbei mit nationaler resp. regionaler (kultureller) Prägung.

Die nämlich zu jeder Zeit etwas damit zu tun hatte, wie eine Region, eine Gegend (jedoch nie eine Nation) die Bedürfnisse der Menschen, die dort lebten, am besten erfüllen konnte. Was nicht zuletzt daraus resultierte, welches Material (Essen, Trinken, Bauen, Einrichten) die Umgebung an ehesten hergab.

Was den Menschen davon heute überall auf der Welt bleibt, ist Folklore. Heruntergekommene Regionaltümelei auf dem niedrigsten gemeinsamen Ritusnenner.

Und damit sind wir schon wieder in Colorado:

Auch hier sollte wohl wieder einmal ein bestimmtes Deutschlandbild sichergestellt werden. Anders läßt sich die mittägliche Alphorn/Weißwurst/Sauerkraut-Installation nicht erklären (- ein Programmwunsch der amerikanischen Gastgeber?). Und genauso, wie die Deutschen die Produktion nach Sonstwohin verlegt haben, haben sie brav zur Blasmusik geklatscht. Weil das eine eben nicht ohne das andere geht.

Was macht in solchen Tagen der deutsche Designer?

Was er in früheren Zeiten gemacht hat ist der Welt klar & konnte in Aspen ein weiteres Mal bestaunt werden. Er hat ein Raster gelegt, einen gemeinsamen Designnenner definiert, einen internationalen Geschmack gestyled. Er hat bei der sog. Globalisierung kräftig mitangepackt.

Doch was macht er heute?

Vision vs. Visual

Am Ende des Jahrtausends und im fortgeschrittenen Zeitalter der Jeder-mit-jedem-Kommunikation und-Produktion, muß es für deutsche Gestalter um etwas anderes gehen: Die überall gültige (weil überall ungültige) Glatt-&-Lack-Produktion und -Kommunikation muß abgelöst (oder zumindest ergänzt) werden von Produkten und Botschaften, die eine private (und somit regionale) Sicht zeigen, die emotional sind, die antifunktionell sind, die unvollständig sind, die gewagt sind, die unterwegs sind, die nicht zuendegedacht sind, die vielleicht sogar überhaupt nicht gedacht, sondern empfunden sind, die spielerisch sind, die zur Disposition stehen, die vorlaut sind, möglicherweise naseweis, die nur minutenlang gelten und nicht ewig, nicht endgültig sind.

In unserem Kulturkreis, egal wo auf der Welt, in der das Augenblickliche als wahrhaftig, in der das Momentane, Private, Individuelle als glaubwürdig empfunden wird (»fuck the future, reality is now«), entsprechen allgemeingültige gestalterische Formeln nicht länger unseren Ansprüchen an Echtheit. Daß es ein Bedürfnis für eine neue Gestaltung gibt, zeigt nicht zuletzt, wie abgewirtschaftet die alten Formen, wie abgedroschen die Botschaften sind, und wie wenig sie letztendlich mit »meinem« Leben zu tun haben.

In diese Situation stößt eine neue Richtung in der Gestaltung: Mit mehrschichtigen Gegenständen und vielseitiger Grafik, die das Gucken zum Spaziergang machen und zum Weiterdenken anregen; lebendiger, erzählerischer, bildhafter, erotischer, emphatischer, fröhlicher, trauriger, poetischer, persönlicher. Formen, Texte und Bilder ergänzen sich zu einer Gestaltung, die anregt und begeistert, die eine subjektive Sicht erzeugt und wiedergibt und darum auch Fehler machen darf. Und das nicht zuletzt mit Schriften, die eben nicht stramm stehen wie die Futura. Hier ist eine Gestaltung zu sehen, die mitredet, die mitexperimentiert, die mitmacht, die kommentiert, bestätigt, widerspricht. Die am Leben hält. Die Kontraste schafft. Die Teil der Botschaft ist. Die sich nicht feilbietet, sondern entdeckt werden will. - Oder umgekehrt.

Diese neue Gestaltung ist keine modische Erscheinung, sondern ein erneuter Ansatz zu einer individuelleren Kommunikation mit einer langen Geschichte, deren Protagonisten sich zu allen Zeiten hervorgetan haben.

Ein Großteil des Designgewerbes kann mit dieser Gestaltung nicht viel anfangen (und kriegt sie auch nicht hin, da er in selbstgemachten Rezepten, Programmen und Schubladen denkt). Doch sie ist Teil einer Bewegung voller Überraschungen, die die Alten »Innovation« nennen. Gestaltung, die sich bewegt, solange der Kopf sich bewegt und das Herz schlägt - beim Gestalter wie beim Benutzer!

In einem Prozeß tiefgreifender Erweiterungen der Kommunikations- und Produktionsmöglichkeiten, in dem jede »Zielgruppe« zersplittert und jeder Empfänger zum Sender wird, kann sich jede Gestaltung nur an einen wenden: an mich und mich und mich, an dich und dich und dich.

Möglicherweise lebst du in Aspen/Colorado.

Oder in Frankfurt/Main.

Oder Nirgend/Wo.

 

 

Alexander Branczyk

Thomas Nagel

xplicit ffm/Face2Face